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Zehn verbreitete Mythen über Alexandertechnik (GERMAN2)

Bruce Fertman, 2020-02-11 / übersetzt von Matthias Liesenhoff 2020-02-22

Ein befreundeter Alexanderlehrer fragte mich nach einer Transkription meines Youtube-Videos. Ich fand dies hier auf meinem PC und habe es nur ein wenig überarbeitet und ein paar Fotos hinzugefügt, um die Ideen zu illustrieren.

Dieser Artikel kann gerne geteilt werden. Für ein tieferes Verständnis der Ideen empfehle ich mein Buch: „Mit Händen lehren, von Herzen lernen: Eintauchen in die Arbeit von F.M. Alexander“, erschienen im Verlag Die Werkstatt.

Zehn verbreitete Mythen über Alexandertechnik

Hallo, ich heiße Bruce Fertman. Ich bin Gründer und Leiter der Alexander Alliance International. Hier sind zehn gängige Mythen über die Alexandertechnik, welche viele Menschen für wahr halten. Nach 50 Jahren intensiven Studiums und Ausbildung von 300 Lehrern bin ich der Auffassung, dass diese Ideen nicht stimmen.

Eins.

Bei Alexandertechnik geht es um Körperhaltung. Das ist ein Mythos.

Tatsächlich geht es der Alexandertechnik um Ent‑Haltung. Das Problem ist, dass wir ständig Haltungen einnehmen, meist unbewusst. In der Alexandertechnik geht es darum, eine ent‑haltene Person zu werden, das bedeutet: un‑gehalten, ent‑fixiert, flexibel, beweglich; und das nicht nur körperlich, sondern als ganze Person.

 

Photo: B. Fertman

Zwei.

Bei Alexandertechnik geht es um Aufrechtsein. Das ist ein Mythos.

Tatsächlich hat Alexandertechnik nichts mit geradem Stehen zu tun. Es gibt nicht eine gerade Linie im Körper; im Universum übrigens auch nicht. Alexandertechnik hat nichts damit zu tun, dass man etwas richtig oder korrekt tut. Es geht darum, dass wir auf gute Weise tun, was wir tun: effizient, effektiv, flüssig, bequem und genussvoll.

 

Bruce Fertman

Drei.

Bei Alexandertechnik geht es darum, wie wir den Kopf auf dem Hals halten. Das ist ein Mythos.

Tatsächlich geht es der Alexandertechnik darum, dass wir aufhören, unseren Kopf auf dem Hals zu halten. Es geht darum, nicht einzugreifen in unsere angeborenen Ausgleichsmechanismen, die das für uns tun.

 

Photo: B. Fertman – Sherry Stephenson

Vier.

Bei Alexandertechnik geht es um den Körper. Das ist ein Mythos.

Tatsächlich geht es der Alexandertechnik darum, wie wir sind: in uns, mit anderen, und im Verhältnis zur Welt um uns. Es geht um die Qualität unserer Handlungen und Interaktionen. Es geht um die Qualität unserer Erfahrungen. Es geht darum, wie wir sind, während wir tun, was wir tun.

 

Photo: B. Fertman

Fünf.

Bei Alexandertechnik geht es darum, symmetrischer zu werden, denn Symmetrie ist Gleichgewicht. Das ist ein Mythos.

Tatsächlich ist nichts in der Natur vollkommen symmetrisch, Menschen eingeschlossen. Symmetrie ist ein Konzept, so wie Punkt oder Linie Konzepte sind. Buddha mag symmetrisch aussehen, wie er da friedlich auf einer Lotusblume sitzt; aber schauen wir genauer hin, sehen wir einen Fuß über dem anderen und eine Hand über der anderen. Betrachten wir das Gesicht einer beliebigen Person etwas genauer, dann finden wir keine vollkommene Symmetrie. Wir streben nach Harmonie, nicht Symmetrie; und Harmonie hat nichts zu tun mit der Form des Körpers in einem bestimmten Moment.

 

Photo: B. Fertman

Sechs.

Bei Alexandertechnik geht es um Gleichgewicht. Das ist ein Mythos.

Tatsächlich ist Gleichgewicht nicht menschenmöglich. Wir sind von Natur aus nicht in Balance, und dies bewirkt Bewegung. Wir schwanken ständig auf das Gleichgewicht zu und wieder von ihm weg. Das ist gut so. Wenn der Wind weht, bewirkt er Wellen auf der Teichoberfläche. Der Wind hört auf und die Wellen werden kleiner, nähern sich dem Stillstand, ohne ihn jemals zu erreichen. Stille ist ein Konzept, ein schönes zwar, aber in der Stille liegt Bewegung, wie subtil auch immer.

 

Lucia Walker: Alexander teacher, Johannesburg, South Africa

Sieben.

Durch Alexandertechnik lernt man korrekte Atmung. Das ist ein Mythos.

Tatsächlich atmen wir nicht. Alexander sagte einmal: „Wenn ich nicht atme, atme ich“. Ich würde so sagen: wenn ich nicht atme, werde ich geatmet. Wir werden geatmet, von Kräften tief in uns und rund um uns. Atmen wir, während wir schlafen? Atmen wir, während wir essen? Sicher, wir können einen Atemzug nehmen. Aber der Atem ist nicht dazu da, genommen zu werden. Er gehört uns nicht. Atem ist ein Geschenk der Welt, und dieses Geschenk soll empfangen werden. Atmen ist Antwort. Es antwortet auf Aktivität. Es ist nicht etwas, das wir tun; es ist keine Aktivität, wie den Berg hinauflaufen. Wenn wir den Berg hinauflaufen, stehen wir dann zuerst da und atmen und holen genug Luft, und rennen dann los? Oder laufen wir einfach los, und die Atmung antwortet selbsttätig und zuverlässig auf unsere Wünsche, ohne dass wir überhaupt darum bitten müssten?

 

Acht.

Durch Alexandertechnik lernt man, richtig zu stehen, auf seinen eigenen Füßen zu stehen. Dass ist ein Mythos.

Tatsächlich stehen wir nicht auf unseren Füßen. Wir stehen auf dem Boden.

 

Neun.

Durch Alexandertechnik lernt man, zu entspannen. Das ist ein Mythos.

Tatsächlich geht es der Alexandertechnik um Bereitschaft. Bei Alexandertechnik geht es darum, sich auf nichts Bestimmtes vorzubereiten, aber für alles bereit zu sein, was geschehen könnte. Es geht darum, mühelos zurückzukehren, wieder und wieder, zu einem Zustand von wacher, gelassener Bereitschaft.

 

Photo: Anchan – Alexander teacher: Britta Brandt-Jacobs

Zehn.

Bei Alexandertechnik geht es um ordnungsgemäße Körpermechanik; um die optimale Weise, aus einem Stuhl aufzustehen oder sich zu setzen; wie man sich bückt, ohne sich wehzutun, usw. Das ist ein Mythos.

Tatsächlich sind Menschen nicht mechanisch. Wir sind keine Maschinen; wir sind organisch. Wir sind Säugetiere. Durch Alexandertechnik lernen wir, wie wir gebaut und gemeint sind, um als Homo Sapiens optimal zu wirken. Bei Alexandertechnik geht es zu einem guten Teil darum, kulturelle, geschlechtliche und kosmetische Körperkonzepte zu hinterfragen, die störend sind für die Arbeitsweise und Schönheit unserer natürlichen Gestaltung.

 

Bruce Fertman

The Alexander Alliance Europe

Teaching by Hand/Learning by Heart

 

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